Als gegen Ende meiner Kindheit eines Tages Klänge amerikanischer Spiritual- und Gospelmusik die Räume des protestantischen Pfarrhauses, meines Elternhauses, erfüllten, war ich erregt und erschüttert. So etwas hatte ich noch nicht gehört. Mit Musik und Musizieren war ich aufgewachsen: mit Volksliedern, Chorälen, Posaunenchor und Orgelspielen, mit Bach, Haydn und Beethoven. lch liebte diese Musik. Aber was war das? Was war hier anders? Warum wirkte das Unbekannte so stark auf mich? Damals konnte ich es nicht sagen.
Später wurde mir klar, dass es weniger an der Struktur der Musik lag, die sich so gravierend von dem unterschied, was ich bisher kannte, als vielmehr an einem anderen Umgang mit Tönen, Klängen, Worten. Es war weniger das andere Was, als das andere Wie, das mitten ins Herz traf und das eine tiefe, mir aber unbewusste Sehnsucht weckte. Etwas hatte mir, trotz all des vertrauten Schönen, gefehlt. Seitdem bin ich auf der Suche nach dieser Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit des Musizierens. Nach der Verbindung des einen Was mit dem anderen Wie, das sich — wie mir scheint — irgendwann vor langer Zeit getrennt hat.
Manchmal habe ich folgendes Bild vor mir: Europas Kinder, die aus Not oder Abenteuerlust einst nach Amerika gingen, waren dort frei — aber elternlos. Die in Europa gebliebenen Eltern hingegen lebten weiter mit ihrer jahrhundertealten Kultur – aber kinderlos. Europa (und als Deutscher denke ich vor allem an Deutschland) kommt mir wie ein reicher Erwachsener vor, der seine Kindlichkeit, Beweglichkeit und emotionale Spontaneität verloren hat — Eigenschaften (oder sind es Fähigkeiten?), die ich bei Amerikanern finde; wenn mir dort auch wieder Verwurzelung fehlt. Wie schön wäre es, diese problematische Trennung zu überwinden.
Was mir vorschwebt, ist die Verschmelzung von beidem. Von Tradition und energiegeladener Gegenwart. Von Überkommenem und Spontanem. Von Idee und Eros. Von Sein und Werden. Von Bestehen und Bewegen. Diesem utopischen Moment nahezukommen, darum geht es mir beim Komponieren und Musizieren, auch bei diesen Bearbeitungen von alten deutschen Weihnachtsliedern. Ihre uralte Botschaft, die nicht nur das Christentum, sondern auch die Mythen der Völker erzählen — vom Licht, das in finsterster Zeit geboren wird, trifft mich jedes Mal aufs Neue. Um so mehr stoße ich mich am gewohnheitsmäßigen Umgang mit diesen Liedern: Trocken, belanglos oder billig aufgemotzt wird an der gewaltigen (Über)Lebenskraft, die in ihnen steckt, vorbeigespielt und -gesungen. Müde davon, und auch verärgert, weil so nichts Lebendiges spürbar wird, sehne ich mich, suche ich nach dem pulsierenden Kern … nach einer alten neuen Schönheit.
Heimelig ist das nicht. Es kann einem dabei auch unheimlich werden. Weil man für die Hoffnung auf Licht mitten im Dunkel auch Mut braucht. «0 dass mein Sinn ein Abgrund wär’», heisst es in Paul Gerhardts ergreifendem Lied »Ich steh’ an deiner Krippen hier«. Wenn wir uns ohne Furcht so weit vorwagen wie er, dann ist das «Freuet euch» kein leeres Geklingel mehr. Dann spüren wir wieder die lebendige Kraft der alten Lieder: «0 dass mein Sinn ein Abgrund wär’ und meine Seel’ ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.»
Christian Steyer