Pressespiegel

Ein Konzert für Außenseiter

Filmspiegel | Nummer 8 | 10.04.1974 Wort: Marlis Tico Bild: Günter Linke

Er sitzt am Flügel und klimpert vor sich hin. zur Einstimmung vielleicht oder weil man sich lockern muss für eine doch noch ziemlich ungewohnte Sache wie ein Zeitungsinterview. Und außerdem wollen wir ja den Schauspieler Christian Steyer «einmal anders» – musikalisch nämlich – vorstellen.

Bei einem «Konzert für einen Außenseiter» hatten wir ihn jüngst im DDR-Fernsehen erlebt. Heute gibt er selbst eins. Vorspiel also – der Lebenslauf:
Begonnen vor 27 Jahren im Vogtland. vom Kindesalter an bereits der Musik verbunden. Der fünfjährige Christian wußte schon Bescheid über Intervalle und Tonikado der neunjährige absolvierte beim Vater seine tägliche Stunde Fingerübungen und der 13jährige schließlich lernte in Prof. Webersinkes Kinderförderklasse am Leipziger Konservatorium.

1970 dann hatte er das Hochschulstudium hinter sich und die Entscheidung vor sich. Erlerntes als Musikpödagoge weiterzugeben oder selbst weiterzulernen. Letzteres war verlockender. Bescheidene Erfolgserlebnisse hatte er schon auf der Oberschule mit Spiritualgesang, bei Chanson- und Liederwettbewerben kam, sang und siegte er und seine Lehrmeisterin Fania Fénélon ermutigte ihn. Das Erlebnis Bühne in einer Rolle der Dresdner Musicalinszenierung «Die unheilige Elisabeth» blieb nicht ohne Folgen. So bestand er noch zweijährigem Studium die Bühnenreifeprüfung und zuvor noch vor der Kamera in seiner ersten Filmrolle.

Ende des Vorspiels: Schauspieler war er nun laut Diplom, geriet an Regisseure, die ihre filme mit großem Verantwortungsgefühl gegenüber unserer Wirklichkeit drehen. Zunächst Warneke mit seiner Studie aus dem Studentenleben: «Es ist eine alte Geschichte». Ein Film in leisen Tönen; Dissonanzen und Harmonien in jugendlichem Lebensgefühl werden geschildert. Christian Steyer spielt mit Nachdenklichkeit und Toleranz einen Jungen, der auf der Suche nach der rechten Lebensform ist. Er
«lag auf der Rolle», wie man sagt, und dies war auch die Art von Film, die ihm liegt und wichtig ist: «Wenn Leben fast dokumentarisch erzählt wird, wenn eine Geschichte sich zusammenfügt als Mosaik von Beobachtungen und sie nicht deshalb stimmt, weil sie einen kompletten Handlungsablaug liefert sondern das Wesentliche von Situation oder Charakter erfasst.  

Heiner Carows Film danach war freilich die «Legende von Paul und Paula», nicht die seine. Und er blieb dabei die löwenmähnige Randfigur vom Rummel ohne größeren Stellenwert. Doch schauspielerische Entfaltung spielt sich nicht nur in eigener Aktion ab sondern auch durch Zuschauen und Hinhören bei klugen Regisseuren und anregenden Kollegen: «Gute Partner ermöglichen richtige Reaktionen. Das ist angenehm. Das Ergebnis wirkt dann nicht, gemahnt, sondern gewinnt im notwendigen Spiel von Aktion und Reaktion.»

Das hat sich positiv bestätigt in dem genannten, Konzert für einen Außenseiter, Er war ein Ex-Student, haltlos geworden und nun ein Krimineller, mehr aus Trotz als bösartig.

Zu erwarten ist das jüngste Opus «Für die Liebe noch zu mager?», indem er einen liebenswürdigen-Spinner spielt, begabt, aber zu unstet für Dauerhaftes.

Variationen zu einem Thema: Schauspiel und Musik, zwei Formen, leben zu widerspiegeln. Sieht er Gemeinsamkeiten?  «Natürlich. Grundaussage eines Films und Grundidee des Komponisten können das Gleiche sein, Bei einer Filmmusik allerdings dürfen sie im Detail nicht dasselbe aussagen. Es wird nicht mit Unterschiedlichem das Gleiche ausgedrückt, sondern die unterschiedlichen Mittel ermöglichen ein differenziertes Herangehen an eine Problematik.» Er erzählt von der Musik, die geschrieben hat für «Untergang der Emma». «Wissen Sie, wichtig in beiden Medien ist, dass man auf eine Sache hingeführt nicht entführt wird, Die Musik darf sich nicht verselbständigen, aber auch nicht nur untermalen, was man ohnehin in Wort und Bild erfährt.»

Er pfeift vor sich hin, schlägt den Rhythmus auf dem Pianodeckel, erklärt, wie man ein paar «ungemütliche» Akkorde durch Leichtigkeit wieder aufheben kann. Und es wird anschaulich, was er sagt, daß Filmmusik Widersprüchlichkeit, Konflikte bloßlegen kann.

Musik oder Film – am liebsten beides gemeinsam, in einem Musikfilm, «…keinem Schlagerfilm mit Nummernprogramm. Ich denke, daß Musikfilm ein eigenständiges Genre sein kann, in dem Problematik unter anderem in der Sprache der Musik genauer erfaßt wird.» Bleibt abzuwarten – das «Konzert für Außenseiter» hat noch keinen Schlussakkord.