Christian Steyer ist ein Multitalent. Er spielt, spricht, komponiert, singt. Mit seiner faszinierenden Stimme hat er das Leben von «Elefant, Tiger & Co.» begleitet und sich nun ans Schreiben gewagt. Seine Tiergedichte «Vom kleinen Storch der Vater» erschienen gerade bei Faber & Faber. Am 2. Oktober liest er in Leipzig Kindergeschichten.
Christian Steyer sieht ein wenig abgespannt aus. Es ist Freitagmittag. Eine Nacht mit wenig Schlaf, die ICE-Fahrt zwischen' Berlin und Leipzig sowie reichlich zwei Stunden angestrengte Arbeit liegen hinter ihm. Nuancenreich, mal heiter, mal nachdenklich, nie monoton, hat er seinen Text für die abendliche Sendung «Elefant, Tiger & Co.» gesprochen, die Millionen Zuschauer aller Altersgruppen in Deutschland so lieben. Seit der Erstausstrahlung am 1. April 2003 begleitet er mit seiner Stimme die MDR-Serie über die tierischen Abenteuer im Leipziger Zoo.
Ursprünglich waren nur elf Folgen geplant. Über 200 sind es inzwischen geworden, und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Sendung hat in der ARD einige Nachahmer gefunden, oft wurde Christian Steyer schon gefragt, ob er nicht auch andere Zoo-Geschichten sprechen wolle. Er hat abgelehnt. «Ich möchte nicht herumspringen. Die Serie ist hier entstanden und gewachsen. Ich komme nicht als Sprecher, der einen Job macht, sondern gestalte mit, habe eine Identität.» Geschäftlich sei das vielleicht dumm, aber was er damit verlöre, wäre weit schlimmer für ihn, der auch in Kulturmagazinen des MDR und ZDF zu hören ist. «Heldentum ist das nicht», räumt er ein. Aber nur die Sahne abschöpfen, darum könne es nicht gehen.
Was reizt ihn an der Zoo-Serie? «Wir sind ein eingespieltes Team, Autoren, Redaktion und Ton. Ich bringe mich voll ein und brauche nichts zu sagen, was mir gegen den Strich geht.»
Er war immer einer, der nicht das machte, was die meisten wollten. So waren auch seine Rollen, die er als junger Mensch mit Angela-Davis-Krauskopf und Bart vital verkörpert. Paula in der zur Legende gewordenen Film-Legende wirft ihn aus ihrer Wohnung, weil er es mit einer anderen treibt. Als Lutz, der in «Für die Liebe noch zu mager?» die Welt erobern will, bleibt er am Schluss allein. Er spielt Maler, Architekten, Zeitgenossen von einst und jetzt. Ob bei der Defa oder im Fernsehen, die meisten Figuren sind Einzelgänger.
Christan Steyer hält auch privat nicht viel vom Herdentrieb. «Von meiner Mutter hörte ich als Kind öfter den Satz: «Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.» Natürlich braucht zum Beispiel Demokratie Mehrheiten, anders kann sie nicht funktionieren. Aber was hat es nicht alles für Massenverblendungen gegeben. Und allzu oft ist das, was alle machen, nicht das Beste…»
Seine Worte formuliert der Mann mit der blonden Lockenpracht und dem hellen Bart im Gespräch überlegt, abwägend, fast behutsam.
«Ich habe vor Jahren gemerkt, dass ich manchmal Lust bekam, mich nicht nur als Musiker, sondern mit Worten zu äußern. Ich begann, Gedichte zu schreiben. Sporadisch, irgendwie aber drängte es mich dazu. Ich bin kein Dichter, nehme das Schreiben aber sehr ernst.»
Und so tauchen sie auf, die Begebenheiten und Gedanken über Adler, Auerhahn, Regenwurm, Schaf, Wolf und die anderen Tiere.
«Ich habe sie für mich geschrieben. Meine Nichten haben aber bei Familienfesten hin und wieder mal etwas davon vorgelesen. Während der vorigen Leipziger Buchmesse war ich vom MDR als Überraschungsgast eingeladen und habe einige vorgetragen. Die anwesenden Schriftsteller waren sehr erstaunt, machten mir Mut.» Ein anderes Erlebnis: «Der Regisseur Siegfried Kilim hatte zu einem Fest geladen, bat mich, etwas singen. Mir war nicht dazu zu Mute, ich bot aber an, ein paar dieser Gedichte zu lesen. Den Gästen schien es sehr zu gefallen. Am Schluss kam eine Akkordeonistin, die das Programm mit ihren Stücken aufgelockert hatte, zu mir und sagte, dass ihr ihre Tochter soeben mitgeteilt habe, wenn das Buch herauskommt, wolle sie es sich von ihrem Taschengeld kaufen. Das hat mich schon sehr berührt.» Kunst könne es nur werden, wenn man Wesentliches anspreche. Zwar habe ein Kind nicht die Assoziationsbreite wie ein Erwachsener, «aber wenn von Tod und Leben, von Gefahr und Einsamkeit gesprochen wird, begreift es manchmal mehr als Erwachsene», sagt Steyer.
«Ich möchte, dass für den Leser oder Zuhörer – es ist ja auch eine CD dabei, auf der ich gemeinsam mit Almut Kühne musiziere – Raum für Eigenes bleibt. Dass man sich angeregt fühlt oder gar die Texte mit eigenen Erfahrungen ergänzt. In unserer Zeit ist der Raum meist verstellt. Es raubt mir Zeiträume, wenn ich das viele Kleingedruckte lesen muss oder mein Briefkasten mit unerwünschtem Papier gefüllt wird, das ich entsorgen muss. Ganz zu schweigen von den Rohstoffen und der Energie, die sinnlos verschleudert werden. Aber auch akustisch ist vieles voll gestellt. Wenn ich telefoniere, muss ich Musiken hören, die ich nicht erbeten habe. Selbst wenn ich Fahrstuhl fahre, wird mir der Raum akustisch zugestellt.»
Steyer ist kein Mann der flotten Worte, er ist wohl eher grüblerisch. Ein Gespräch bedeutet für ihn erst einmal zuzuhören, nicht gleich zurückzuschieBen. «Es ist doch viel besser zuzuhören, wie –möglicherweise – der Andere mit seinen Gedanken meinen Blickwinkel erweitert.» Das möchte er auch mit seinen Tiergedichten. die Wolfgang Gebhardt sparsam illustriert hat. Auf ihn ist er durch ein Buch seines Schulfreundes Albert Wendt aufmerksam geworden. Mit dem Poeten hatte er einst vier Jahre lang im Internat der Markkleeberger Rudolf Hildebrand-Oberschule zusammengewohnt.
Nun sind seine Tiergedichte im Buchhandel. Verleger Michael Faber ist sich slcher. dass sie etwas, Ungewöhnliches sind. «Wenn Christian Steyer Tiere nachdenklich beobachtet, rücken sie näher zu uns auf den Pelz. Manchmal fühlt sich es merkwürdig an, manchmal kitzelt es. Diese Tiergedichte sind was für kluräumege Köpfe und kleine Kinder –zum Lesen oder Hören.»
Ein kluger Kopf, ein Talent ist Steyer schon von Kind auf. Im Vogtländischen, am Nikolaus-Tag anno 1946 geboren, wuchs er in einer kinderreichen Pfarrersfamilie in Meißen auf und spielte schon mit zehn die Orgel. «Wir waren sieben Geschwister, es wurde viel gesungen und musiziert. Mein Bruder Martin und ich haben die Musik zwn Beruf erkoren. Er ist ein sehr geschätzter Filmtonmeister.»
Christian muss sich nicht hinter seinal Bruder verstecken. Über 30 Filmmusiken hat er komponiert, darunter viele für die einfühlsamen Kinder-und Jugendfilme Helmut Dziubas, aber auch für Tatort und Polizeiruf 110. Auch viele Klänge auf Litera-Märchen-Platten stammen von ihm. Zu seinen jüngeren Erfolgen zählen «Das Leben ist eine Baustelle», «Zugvögel – Einmal nach lnari», «Die Blindgänger» und andere.
Steyer blickt auf Leipzig. «In der Hochschule für Musik Felix Mendelssohn Bartholdy habe ich studiert. Eine sehr schöne Zeit!»
Bald aber wechselte er nach Dresden: Das hing mit meinem Lehrer zusammen. Professor Amadeus Webersinke, ein wunderbarer Mensch und Pianist. Eines Tages fragte er mich. ob ich die Treue eines Hundes oder die einer Katze habe. Ich war verwundert. Bis es mir dämmerte. Er ging nach Dresden und wollte wissen, wie ich mich entschied. Die Katze bleibt beim Haus, ein Hund folgt seinem Herrn. Ich ging nach Dresden.» Ein Menschenkenner und anregender Lehrer sei Webersinke gewesen: «Er besaß die Fähigkeit, Jüngeren Respekt zu zollen. Nach dem Staatsexamen, ich hatte neben klassischen auch drei Jazz-Stücke gespielt. gingen wir beide
in der Nähe des Blauen Wunders spazieren. Da blieb er stehen und sagte: ,Da hat man jahrelang eine Birke gepf!egt, und nun steht eine Buche vor mir ... ' Das war schon toll.» Überhaupt sei Dresden für ihn ein Glücksfall gewesen. «An der Hochschule gab man mir, dem Pianisten, eine Hauptrolle in einem Musical. Ich musste singen! Regie führte Thea Elster. Sie war es auch, die mich inspirierte. nach dem Musikstudium noch eine Schauspielausbildung zu absolvieren, In Berlin habe ich noch zwei Jahre studiert.»
Diese Vielseitigkeit. Musizieren, Singen, Spielen und Sprechen, hat dazu beigetragen, dass Christian Steyer immer freischaffend war, nie zu einem festen Ensemble gehörte. Er wechselte zwischen Film, Fernsehen, Studio und Bühne. Inzwischen unterrichtet er selbst im Fach Präsentation. Und was empfiehlt er seinen Schillern? «Den Mut. von sich selbst zu sprechen, sich nicht zu verstellen, einfach und offen zu sein.»
«Oberflächlichkeit. Vordergründigkeit, Nachahmen, Nachschwätzen bringt nichts. Sich für Glanz und Ruhm zu verbiegen. beschädigt die Kunst.»
Das hat er wohl auch seinem Sohn mitgegeben. Der 24-Jährige studiert Architektur und lebt in Granada. «Ein schöner Schritt zum Selbstständigwerden. Für mich war die Welt kleiner…» Er unterrichtete seinen Sohn im Klavierspiel. «Obwohl ich immer sagte, ich besorge dir, wenn du willst. einen anderen Lehrer. blieb er bei mir. Wenn es für ihn noch zu schwer war. habe ich die Stücke so präpariert, dass er sie spielen konnte. Das hat uns Spaß gemacht.» Christian Steyer hat jüngst in einem Diplomfilm der Filmhochschule Köln gespielt, der bei Arte gezeigt werden soll. «Ich versuche, zu finden und zu sehen, was am Leben verwundert und begeistert. Vielleicht braucht man dafür viel Gelassenheit und Wachheit.»