Pressespiegel

Innig statt aufgemotzt

Auf eine ganz und gar unkonventionelle Art geht Christian Steyer alten Weihnachtsliedern auf den mystischen Grund. Mit seinem Berliner Solistenchor beglückte er die Zuhörer in der Margarethenkirche

Thüringer Allgemeine 06.12.2011 Wort: Dieter Albrecht Bild: Dieter Albrecht

Die 13 Sängerinnen und Sänger und kommen nicht regelmäßig zusammen. Und wenn doch, dann nur, um als Projektchor bestimmte Programme einzustudieren. Das mag man kaum glauben, wenn man sie zusammen mit ihrem Leiter, der dabei am Digitalpiano sitzt, musizieren hört. Christian Steyer, sächsischer Pfarrerssohn und einstiger Defa-Filmstar (»Für die Liebe noch zu mager«, »Die Legende von Paul und Paula«), ist dem Schauspielberuf treu geblieben, arbeitet aber auch als Hochschul-Sprecherzieher – und er komponiert.

Wundervolle alte Weihnachtslieder können im Konzert museal anmuten. All ihre Innigkeit und Ursprünglichkeit verlieren sie aber, wenn sie in Kaufhäusern und auf Weihnachtsmärkten hoch- und runtergedudelt werden und so als kommerzieller Anreiz missbraucht werden – süßlich, schmalztriefend, über den Einheitsleisten der Schlager- und »Volksmusik«-Hitparaden geschlagen. »Trocken, belanglos oder billig aufgemotzt«, meint Steyer, werde »an der gewaltigen Überlebenskraft«, die in diesen Liedern steckt, »vorbeigespielt und -gesungen«.

Gelingt es Steyer und seinem Solistenchor zu zeigen, dass es auch anders geht? Und ob! Er seziert die alten Texte und Weisen gleichsam, stellt neue musikalische Zusammenhänge her, lässt Elemente von Jazz und Swing, Soul und Gospel einfließen. Seine Sänger gehen, meditativ in sich versunken, an ihre Aufgabe heran, holen Persönlichstes aus ihrem inneren Erleben und musizieren so alles andere als oberflächlich.

Man ist höchst erstaunt, wie einer der Solisten »Gelobet seiest du, Jesu Christ« mit poppiger Stimme singt und doch nicht in Kitsch abgleitet, sondern ganz dem Ernst des Mysteriums verpflichtet bleibt.

Manchmal kommen die Lieder wie Gospel-Songs daher. Und doch sind sie Welten entfernt von der auf Show getrimmten Exaltiertheit vieler längst auf der kommerziellen Welle reitenden Chöre aus den USA. Nicht knallige Erweckungsagitation ist es, die uns in der zunehmenden musikalischen Bewegung der alten Weise von »Kommet, ihr Hirten« so tief berührt, sondern das stets tiefe Hineinhorchen in die eigene Seele.

Einfach genial, wie die in der Mehrzahl jungen Musiker dieses »O Heiland, reiß die Himmel auf« dem Publikum herüberbringen! Dann wieder erfüllt der mittelalterlich-klösterlich anmutende herbe Gesang von »Nun komm, der Heiden Heiland« das Kirchenschiff, einstimmig beginnend und später in eine Art mehrstimmiger Gregorianik mündend. 

Einzigartig in der deutschen Musikszene

Abgesehen von der Sopranistin Christine Maria Rembeck, die vor einigen Jahren, sich selbst am Klavier begleitend, ihre Weihnachtlied-Interpretationen per CD in die Welt entlassen hat (»Engelslicht und Dornenschatten«), dürfte Christian Steyer mit seinem Berliner Solistenchor einzigartig dastehen in der deutschen Musikszene. Den alten Weihnachtsliedern hat er nicht etwa einen neuen musikalischen Geschmack übergestülpt - er hat sie vielmehr von Gedanken- und Geschmacklosem gereinigt. Und zwar gründlich. Nun erstrahlen sie in einem Glanz, den kaum jemand überhaupt für möglich gehalten hätte.

Zwei Zugaben erklatschte sich das Publikum, das die Kirche zu einem Drittel füllte. Hätten die vielen Gothaer Musikfreunde gewusst, was ihnen entgehen würde - die Kirche wäre voll gewesen.