Ich kenne ihn schon eine geraume Weile; um die Zeit von Lothar Warnekes Studentenfilm «Es ist eine alte Geschichte», seiner Geburtszeit als Schauspieler also, muß es gewesen sein, daß wir beruflich in Kontakt kamen. Wir haben uns reichlich schwer getan damals mit unserem Interview.
Dieser Steyer war und ist keiner, der sich in Positur stellt für den guten Eindruck. Der knöpft sich eher zu, wenn er merkt, er soll erklären, wer er ist, und wieso er so ist, was er da spielt und warum. Ihn kennenzulernen, heißt abwarten und hinschauen. Dann begegnet man ihm, ist plötzlich gut bekannt. Kleine Gedächtnisstütze: Er war der erfolggewohnte Student Tommy in «Es ist eine alte Geschichte», der kaltschnäuzige Colly vom Rummelplatz in der «Legende von Paul und Paula», spielte in «Für die Liebe noch zu mager» den Traumtänzer Lutz und im Polizeiruf «Konzert für einen Außenseiter» einen kriminellen Ex-Studenten, war in all diesen Rollen «poppig» und wirkungsvoll anzusehen mit der krausen Löwenmähne und kam beim Publikum an. Schauspielerische Mühen verlangten diese Rollen sicher nicht immer. Die großen dramatischen stehen noch aus – darauf kann man gespannt sein.
Etwas Nachdenkliches, Bedächtiges trägt Steyer immer mit sich, man fand es besonders, als er in Fernsehinszenierungen den Komponisten Franz Schubert («Leise flehen meine Lieder») und Egmont spielte.
Dem ersten Interview waren weitere gefolgt. Mir ließ keine Ruhe, daß es so schwer gelang, diesen freundlichen, geduldig lächelnden jungen Mann auf Journalistenweise zu beschreiben. Neugierige Interviews waren das. Ich drang ein in seine Häuslichkeit, entsprechend der bekannten These: «Sage mir, wie du lebst, und ich sage dir, wer du bist»; und ich erlebte: meterhohe Altberliner Wohnung im Ausbau – Steyer als Handwerker; mitten im Provisorium der Riesenflügel – Steyer als Musiker; auf dem Fußboden ein mit Schlaginstrumenten hantierender Knirps, an den Wänden die poetischen Malereien von Frau Lorna – Steyer als Familiemensch. Für den Betrachter ein bißchen Idylle, vielleicht hat sie etwas zu tun mit der Ausgeglichenheit und inneren Geschlossenheit, die er ausstrahlt. Aber auch genügend Unrast ist da, die sich in jene Produktivität umsetzt, mit der er seit Abschluß der Schauspielschule bei Film und Fernsehen dreht, als musikalischer Leiter der Gruppe «etc.» wirkte, etliche Musiken für Filme («Untergang der Emma», «Rotschlipse», «Als Unku Edes Freundin war» u.a.), Märchenplatten und ein Ballett komponierte. Wußte ich nun alles über Christian Steyer? Ein Journalistenkollege kam mir ergänzend zu Hilfe. In einer Rezension zu «Für die Liebe noch zu mager» las ich: «Wie sich dieser Bursche verschließt und öffnet, wie er mault und spinnt und schweigt und an greift und sich verschanzt... usw. Und genau dieses Sammelsurium von Eigenschaften betrifft und beschreibt den Schauspieler Steyer, der, wie ich meine, nicht schauspielt, sondern ist. Was beileibe nicht heißen soll, daß er nicht arbeitet, nicht bewußt gestaltet, nicht jeder Figur ein eigenes Gesicht gibt. Jedoch man merkt's nicht, das Verstellen, das Machen, die Handwerksarbeit.
Jetzt erscheint er im neuen Gegenwartsstreifen «Unser kurzes Leben» als Jazwauk, der ewige Junge und Lebenskünstler, eine angenehm unkomplizierte Randerscheinung im mühseligen Leben der Franziska Linkerhand. Und zur Zeit filmt er in «Bürgschaft für ein Jahr», einem problemreichen Film über eine junge Mutter am Rand der Asozialität. Er ist Heiner, der Mann ihrer großen Hoffnung, die sich nicht erfüllt.
Ich wollte, daß Christian Steyer liest, was ich hier über ihn sagte. Inzwischen kennen wir uns gut genug, um nicht mehr voreinander zu scheuen. Etwas skeptisch meinte er: «Eigentlich ist es zu wenig; aber andererseits – viel zu viel.»